• Ina

Das Ende der textilen Kette

An einem schönen Sommertag fahre ich gemeinsam mit Future Fashion auf die schwäbische Alb zum Sortierbetrieb Striebel. Die Sonne scheint und es fühlt sich irgendwie wie der Anfang eines Urlaubes an, der mit einem Road Trip startet. Wir fahren in Fahrgemeinschaften und obwohl wir relativ spät los gefahren sind, sind wir die Ersten, die dort, in Langenenslingen ankommen. Der Betrieb verfügt über ein riesiges Gelände, das zwar im Industriegebiet, aber dennoch im Grünen liegt.


Was wir allerdings dort zu hören und zu sehen bekommen ist alles andere als Urlaub. Es ist anstrengend, laut und hart für uns. Unser Verhalten als Menschen, als junge Frauen in Deutschland. Und es bringt mich auch jetzt noch, einige Monate später, zum Nachdenken.


Altkeidersammlung in Zahlen



Aber fangen wir mit den Fakten an: Pro Jahr werden in Deutschland eine Million Tonnen Textilien in die Altkleidersammlung gegeben. Das sind 1.000.000.000 Kilogramm. Pro Kopf sind das circa 26 kg pro Jahr. Zusätzlich werden circa 300.000 Tonnen Textilien über den Hausmüll entsorgt. Im Textilbetrieb Striebel werden inklusive Partnerunternehmen pro Jahr circa 25.000 Tonnen Textilien pro Jahr bewegt. Doch was passiert mit den Kleidern, die hier in mehreren LKW Ladungen täglich ankommen?




Wo landet unsere Kleidung nach dem Container?



Zuerst werden die Kleidersäcke vom LKW geladen. Die erfolgt von Hand und mit Hilfe eines Gabelstaplers. Die Kleider werden ja in der Regel in Plastiktüten gesammelt. Diese werden geöffnet und die Textilien über ein Förderband zur ersten Sortierstation befördert. Hier sortieren Frauen jedes einzelne Stück das ankommt nach Sorte. Und es kommen nicht nur Kleider an. Neben BHs, Hemden, Mäntel und Leggings, Decken und Schuhe werden auch Batterien, Kuscheltiere, Schmuck und Kosmetik abgeladen. Teilweise wirkt es so, als ob manche Menschen ihren Hausmüll über den Altkleidermüll entsorgen. Die Plastiktüten, in denen die Altkleider ankommen gingen vor einigen Jahren noch nach China, mittlerweile

werden sie in Deutschland verbrannt. Täglich handelt es sich dabei um 400-500 Kilogramm Plastikmüll.





Wie ein Sortierbetrieb funktioniert


Jedes einzelne Stück wird von den Frauen im Sortierbetrieb sortiert. Herrenhemden zu Herrenhemden. Sporthosen zu Sporthosen, Damenpullis zu Damenpullis. Nach dieser Vorsortierung werden die einzelnen Gruppen weiter befördert und gelangen zu einer Sortiererin, die nur diese eine Gruppe nach Qualität sortiert. Dafür schaut sie sich jedes einzelne Kleidungsstück an. Bei Striebel wird zwischen drei Kategorien unterschieden:

Kategorie 1: In Mode und in gutem Zustand

Kategorie 2: Nicht mehr Mode (kann dennoch in super Zustand, sogar neu sein)

Kategorie 3: Nicht in Mode, vielleicht auch verwaschen aber sauber und nicht kaputt.

Und dann gibt es natürlich noch einen Rest.

Bei Striebel arbeiten circa 120 Beschäftigte, davon circa 80 in der Sortierung. Interessanterweise sind in der Sortierung nur Frauen tätig. Um schnell und gut sortieren zu können benötigt man einige Skills. Zum einen muss man sich mit Mode und der Nachfrage auf den Absatzmärkten auskennen. Zum anderen muss ein Gespür für Materialien und Qualität vorhanden sein. Jedes Kleidungsstück wird hier wenige Sekunden angeschaut und schon ist die Entscheidung gefallen, in welche Kategorie das Kleidungsstück gehört.




Der Dachverband FairWertung e.V.


Dies gehört unter anderem zur Qualitätssicherung der Kleidungsstücke, die in andere Länder, allen voran afrikanischen Ländern, versendet werden. Dabei wird der Betrieb, wie andere zertifizierte Betriebe der FairWertung regelmäßig überprüft und Audits unterzogen. Dies stellt sicher, dass der afrikanische Markt nicht von minderwertiger Ware überschütten wird. Noch heute sieht man in Afrika immer wieder Kleiderberge, auch von Second Hand Kleidung aus Deutschland, die dort verrottet und nicht genutzt wird. Diese stammen von unseriösen Betrieben, die die Kleidung unsortiert an Großabnehmer weiterverkaufen.


Nach der Sortierung werden die Waren Tonnenweise gepresst und gelagert. Interessant ist hier, dass die riesigen Kleiderblöcke in unterschiedlich farbigen Plastikfolien verpackt werden. Ein Grund hierfür ist, dass die Abnehmer oft Analphabeten sind und die Ware anhand ihrer Farbe erkennen. Wenn die Farbe falsch ist, schicken sie diese wieder zurück.




Nur die Hälfte der Textilien im Altkleidercontainer wird wieder getragen



Aber was bedeuten die oben angegebenen Kategorien: Etwa die Hälfte der Kleidung die hier

ankommt wird wieder getragen. Je nach Kategorie werden sie in unterschiedliche Länder versandt. Die erste und zweite Kategorie werden in alle Welt (außer Südamerika), also Süd- und Osteuropa, Asien und Afrika versandt. Die dritte geht ausschließlich nach Bangladesch. „Wie absurd!“, denke ich. Wir tragen in Deutschland Kleider, die zu großen Teilen in Bangladesch hergestellt werden und wenn sie uns nicht mehr gefallen, sie ausgetragen sind, schicken wir sie zurück in das Land aus dem sie kommen, wo die Leute sich von ihrem Gehalt für die Produktion die Kleidung nur 2nd Hand leisten können.

Die andere Hälfte wird teilweise zu Putzlappen verarbeitet, teilweise für zum Beispiel Innenverkleidung von LKWs verwendet, teilweise wird aus den Kleidungsstücken Brennpellets gepresst, welche als Ersatz zur Rohöl Produktion verwendet werden. Allerdings ist dieses Feld sehr stark vom Ölpreis abhängig. Sinkt der Ölpreis, so bevorzugt der Markt das billigere Öl und die Brennpellets finden keinen Absatz.





Herausforderungen für Sortierbetriebe


Das Sammeln der Kleidung wird immer schwerer. Zum einen brechen immer wieder Absatzmärkte weg. Durch den erhöhten Einfluss von China auf dem afrikanischen Kontinent wird die Einfuhr durch europäische Sortierbetriebe erschwert und teilweise verboten.

Auch hier finde ich es wieder absurd: Für unseren Hausmüll, Biomüll, Gelben Sack und Papier müssen wir bezahlen. Alte Kleider werden wir kostenlos wieder los. Dabei weiß man doch auch hier, dass auch Altpapier und Co. Weiterverkauft werden. Wieso sind wir nicht bereit für die Abholung der Altkleider zu bezahlen? Was macht unsere alten Kleider so viel wertloser und „billiger“, also eine Papierwurfsendung, die wir ungefragt als Werbung in unserem Briefkasten haben?


Nach unserer Führung bei Striebel, sowie einem Vortrag der Aktion Hoffnung, die als Partner agieren und einer Diskussionsrunde raucht mein Kopf. Unendlich viele Gedanken, die ich versuche zu sortieren. Wir machen noch einen Abstecher in den angeschlossenen 2nd Hand Shop, in dem wir die einzigen Kunden sind. Hier gibt es die Levis Jeans für 5 €, die man im Vintage Markt in Stuttgart für 30 € aufwärts bekommt. Die Ware hier, ist „Creme“-Ware, also ganze 2%-4% der Waren die in die Altkleidersammlung geworfen werden. Mit dieser Ware werden in den Sortierbetrieben ganze 40 % des Umsatzes gemacht! Der Rest ist insbesondere mit viel Arbeit und teilweise Kosten für die Betriebe verbunden.


Textilrecycling ist ein globales Thema


Wenn man sich also mit dem Ende der textilen Kette näher beschäftigt, wird auch klar, dass es sich hierbei auch um ein weltpolitisches Thema handelt. Es geht wie immer um Kosten, Müll und das Verschieben von Problemen von einem Land in das nächste. Mir wird klar, wie stark die Sortierbetriebe von diesen weltpolitischen Entscheidungen beeinflusst sind. Durch den Brexit, durch den Müll nach Deutschland verlagert wird und dabei die Müllpreise steigen. Durch China, die einen immer größeren Einfluss auf den afrikanischen Kontinent nehmen, durch die Aufnahme von Rumänien in die EU und so weiter…

Zu denken, dass das Spenden von alten Kleidern nur etwas Gutes ist und man so armem Menschen hilft reicht nicht aus und ist leider sehr naiv. Für mich war es lange eine willkommene Ausrede dafür, um Kleider auszusortieren.


Es muss sich was ändern!


Die Textilproduktion muss sich weiterentwickeln. Dabei muss bereits bei der Produktion der Kleidung darüber nachgedacht werden, wie die Kleidung recycelt werden kann. „Design to recycle!“ Ist ein Kredo, das wünschenswert ist.


Manche Dinge weiß man eigentlich, doch wenn sie einem haptisch und real vor Augen geführt werden, lösen sie etwas ganz anderes in einem aus. Ich kann deshalb nur jedem empfehlen, einmal den Sortierbetrieb Striebel zu besuchen.




20 Ansichten

© 2014 by FAIRLIEBEN

 

  • Facebook Black Round
  • RSS - Black Circle
  • Instagram Black Round
This site was designed with the
.com
website builder. Create your website today.
Start Now