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Mehr als fair


Zwangsprostitution und Mode? Beides scheint auf den ersten Blick nicht viel gemeinsam zu haben. Und doch gibt es mit [Eyd] ein Label, das sich in beiden Richtungen für eine gerechtere Welt einsetzt. Wie genau, lest ihr hier.

Nathalie Schaller, Geschäftsführerin von [Eyd], im eigenen Showroom in Stuttgart.

Sicherlich erinnert ihr euch noch an das Modelabel Glimpse, das von 2013 bis September 2017 in der fairen Modewelt mitgemischt hat. Als ich im Sommer dieses Jahres einen kleinen Beitrag über Glimpse schreiben wollte, informierten mich Nathalie und Simon Schaller aus Stuttgart und Theresa Göppel-Ramsurn aus München - die drei Glimpse-Macher - dass es mit dem Label zu Ende ginge. Schade, dachte ich, bis ich dann erfuhr, dass das Ende von Glimpse nur der Anfang von [Eyd] sein sollte.

[Eyd], gesprochen wie das englische "aid", bedeutet Hilfe und steht gleichzeitig für "enable your dressmaker". Und genau das ist das Motto des Labels, das den Fokus auf humanitäre Hilfe legt. Damit setzt das Ehepaar Schaller dort an, wo es mit Glimpse aufgehört hat. Warum dann überhaupt ein neues Label?

"Glimpse war unser Herzensding", erklärt Nathalie, die [Eyd] Geschäftsführerin ist. "Wir haben das als Hobby betrieben, neben Arbeit und Familie und sind von einer Halbkatastrophe in die nächste geschlittert." Nach drei Jahren harter Arbeit - auch am Wochenende und nachts - gestanden sich die Geschäftspartner ein: So geht's nicht weiter. Die Lösungsmöglichkeiten? Entweder ganz oder gar nicht!

Also begab man sich zu dritt in einen langwierigen Prozess der Entwicklung und Entscheidungsfindung. Am Ende dieses Prozesses stand fest: "Wir wollen unterschiedliche Dinge. Theresa wollte den Fokus verstärkt auf Mode setzen, für Simon und mich war dagegen die humanitäre Hilfe entscheidender", so Schaller. Hinzu kam die räumliche Trennung zwischen Stuttgart und München. Die Konsequenz daraus: "Glimpse war unser Baby, wir haben es gemeinsam gestartet und am Ende auch zu dritt zu Grabe getragen."

Das alles war also vor [Eyd]. Was hat es aber mit dem neuen Label auf sich und woher nimmt man überhaupt die Kraft, quasi ein zweites Mal fast bei Null zu starten? Nathalie erklärt: "Simon und ich haben schon überlegt, ob wir überhaupt weitermachen. Am Ende waren aber unsere indischen Partner ausschlaggebend, die von uns abhängig waren."

Genau diese indischen Partner sind es auch, die das Label so besonders machen. [Eyd] achtet eben nicht "nur" auf eine faire Bezahlung der "dressmaker", sondern bietet mit seinen Aufträgen eine Lebensgrundlage für Menschen, die unter anderen Bedingungen kaum eine Chance hätten.

"Unsere Aufträge gehen an ein Social Business namens CHAIIM in Mumbai und das besteht aus zwei Säulen: einer Werkstatt mit Nähmaschinen und einer NGO." NGO steht für non-governmental organization. Eine solche regierungsunabhängige Organisation setzt sich für soziale Belange von Minderheiten ein. So auch CHAIIM, denn die Organisation hat sich auf die Re-Integration von Frauen ausgerichtet, die aus Zwangsprostitution befreit wurden.

"Menschenhandel ist in Indien ein Riesenproblem", erklärt Nathalie. "Frauen sind dort weniger wert als Vieh, vor allem auf dem Land. Denn dort haben Familien noch etwas von den Tieren aber die Töchter sind sozusagen nur teure Mitesser." Wenn dann ein Menschenhändler den Familien erzählt, sie würden die Mädchen gut versorgen, glauben das die Familien und freuen sich, dass ihre Töchter ein gutes Leben haben werden. In Wirklichkeit werden sie aber in Bordelle verkauft. Viele von ihnen sind da gerade einmal 12 oder 13 Jahre alt.

Wie schaffen es die Mädchen da wieder raus? "Es gibt Organisationen, die setzen sich nur für die Rettung dieser jungen Frauen ein", so Nathalie. "Die schleusen Agenten ein und sammeln Beweise, die sie dann der Regierung und der Polizei vorlegen. Die sind dann unter Druck und müssen handeln."

Die befreiten Frauen kommen zuerst in ein Schutzhaus. In einem solchen hat Nathalie Schaller selbst vor dem Start von Glimpse für kurze Zeit im Zuge eines Freiwilligendienstes mitgearbeitet. "Ich habe das nach meinem Jurastudium gemacht und war schockiert die Frauen zu sehen, die im gleichen Alter waren wie ich aber überhaupt keine Perspektive hatten."

Nach dem Einsatz stand darum fest: Sie wolle den Frauen helfen. Verbunden mit ihrer Leidenschaft für Mode ist damals die Idee für Glimpse entstanden, die nun in [Eyd] mündete. Denn [Eyd] und CHAIIM setzen genau dort an, wo die Schutzhäuser nicht mehr helfen können. Sie bieten den Frauen eine Perspektive nach der Zwangsprostitution. In den Werkstätten bekommen die Frauen Arbeit am Vormittag. Nachmittags erhalten sie Unterricht in Mathe, Englisch aber auch in ganz lebensnahen Themen wie Kontoeröffnung und Körperhygiene. Außerdem erhalten sie psychologische Betreuung.

Mit dieser ganzheitlichen Unterstützung ist es den Frauen tatsächlich möglich, sich ein neues Leben aufzubauen. "Viele finden schließlich eine andere Arbeit, einige heiraten auch und gründen eine Familie." Immer unter dem wachsamen Auge von Ramona Dsouza, der CHAIIM-Mama, die gemeinsam mit ihrem Mann Keith die indische Organisation leitet.

Mehrmals im Jahr reisen Nathalie oder Kathrin, die Produktentwicklerin bei [Eyd], selbst nach Mumbai. Beispielsweise um die neue Kollektion einzuführen. Aufgrund der Fluktuation in der Werkstatt, weil Frauen in neue Arbeitsverhältnisse wechseln und neue Frauen kommen, werden die Schnitte des Modelabels einfach gehalten. Die minimalistische Mode zeichnet sich durch geradlinige Formen und klare Farben aus. Die Stücke lassen sich daher gut mit verspielteren Labels wie People Tree oder Lanius kombinieren. Dafür erscheinen die Preise teilweise fast ein bisschen teuer: 25 Euro für ein einfaches Basic-Shirt?

Tatsächlich sind wir noch nicht am Ende der humanitären Hilfe des Labels angelangt. Nicht nur, dass [Eyd] seine Aufträge an Menschen vergibt, die dadurch wirkliche Unterstützung erhalten, zusätzlich werden 25% des Gewinns an den Verein Made for Humanity e.V. gespendet. Dieser ermöglicht wiederum den Unterricht und die psychologische Betreuung der Näherinnen und leistet zusätzlich Aufklärungsarbeit über Menschenhandel in Deutschland.

Klar, dass Nathalie und ihre [Eyd]-Crew in Stuttgart bereits Pläne für die Zukunft haben: "Wir haben natürlich noch ordentlich aufzuholen von Glimpse zu [Eyd]. Wir wollen unsere Reichweite erhöhen und unseren Namen prägen, wir wollen wachsen, um mehr Frauen helfen zu können."

Überlegungen stehen an, die Werkstatt GOTS zertifizieren zu lassen und für die weitere Zukunft steht die Vision im Raum, ähnliche Projekte in anderen Ländern zu starten - auch in Deutschland: "Zwangsprostitution gibt es auch bei uns. Es fühlt sich manchmal komisch an, das in einem anderen Land aufzuziehen, wenn es vor der eigenen Haustüre auch Frauen gibt, die das bräuchten."

Zunächst aber Schritt für Schritt: Diesen Samstag geht das Label mit Kollektion Nummer 2 an den Start und das wird mit einer großen Sause gefeiert! Ab 15 Uhr ist im Westquartier Stuttgart Zeit zum Gucken und Shoppen bei Livemusik.

[Eyd] - ein Label mit großem Herzen und großen Visionen.

https://www.eyd-clothing.com


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